Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen.
Rudolf Steiner

Genug Platz für eigene Wege

Hannah, Leni, Delia, Lenz, 12.Klasse © Simon Rainer (simonrainer.com)
Hannah, Leni, Delia, Lenz, 12.Klasse

SchülerInnen der Abschlussklasse und AbsolventInnen im Gespräch über die Oberstufe der Innsbrucker Waldorfschule 

Kurz vor Weihnachten 2011. Anna-Katharina, Christoph, Delia, Hannah, Leni, Lenz, Magdalena und Sebastian – allesamt SchülerInnen der 12. Klasse  – treffen drei AbsolventInnen ihrer Schule: Franziska, Theresa und Raimund (der das Gespräch leitet). 

Was ist das Besondere der Innsbrucker Waldorfschule und ihrer Oberstufe? 

Was bleibt positiv in Erinnerung, wo gibt es Probleme? 

Der kritische Austausch findet im Klassenraum statt. Während der Unterrichtszeit: Englischlehrer und Klassentutor Walter Baumgartner (der ebenfalls anwesend ist) stellt spontan die Zeit dafür zur Verfügung. Dass offene Kritik möglich ist und ihren Platz hat: Für die SchülerInnen ist das bereits eine Besonderheit der Waldorfschule. Händchen falten und Köpfchen senken ist nichts, was man dort lernt. Auch, wenn das den Schulalltag nicht bequemer macht. 

Raimund: Ich hab gehört, ihr habt vor wenigen Tagen eine Konferenz mit LehrerInnen gehabt, um dort Unstimmigkeiten zu erörtern, die es zwischen euch und einigen von ihnen offenbar gibt. (Nicken bei den SchülerInnen.) Im Abschlussjahr könnte man sich sagen: Was kümmert mich das noch? Ich biege die wenigen Monate einfach herunter ...

Lenz: Na ja. Man muss doch den Mund aufmachen, wenn einem was nicht passt. Sonst ändert sich nie was! 

Raimund: Und? Findet ihr miteinander eine Lösung? 

Anna-Katharina: Schau ma mal. 

Delia: Wir geben nicht auf! 

Die SchülerInnen lachen. Inzwischen hat der kleine Leonhard, den Absolventin Theresa (seine Mama) mitgebracht hat, einen Platz gefunden, wo es sich spielen lässt. Für den Klassenraum nichts Neues: Zwei Jahre zuvor gab es in der damaligen Abschlussklasse ein „Klassenbaby“. Die Fotos an der Fotowand vor der Tür zeigen, wie aus den SchülerInnen automatisch „Teilzeiteltern“ wurden. 

Nun hat eine neue Abschlussklasse die Hälfte ihres letzten Schuljahrs hinter sich. Was war en die Highlights ihrer Oberstufenzeit? 

Delia: Praktikum! Die verschiedenen Praktika! (B egeisterte Zustimmung.) 

Christoph: Dass wir längere Auslandsaufenthalte inner- und außerhalb Europas machen können! 

Lenz: Und die Kombination: Auslandspraktikum! 

Franziska: Mir fallen auch die Praktika als erstes ein. Die sind wirklich was Besonderes. 

Raimund: Aber jenseits von „alles super“. Das sind ja Einstiege in die Arbeitswelt mit allen Schattenseiten. Mein Sozialpraktikum: ein Monat Pflegestation in einem Altenheim im Unterland. Fixierungen an den Betten, mit Kot beschmierte Wände: Für mich war es die totale Endstation. Was ich sagen will: Das Praktikum ist zu Ende, der Reflexionsbericht geschrieben – und was man gelernt hat, ist vielleicht einfach, dass man das nie wieder machen möchte. 

Delia: Genau das ist es. Es geht ja nicht darum, dass immer alles total schön ist, sondern dass man Erfahrungen machen kann. Die sind halt nicht immer total schön. 

Christoph © Simon Rainer (simonrainer.com)
Christoph

Leni: Wobei man oft erst später richtig erfasst, was man da alles für sich mitnehmen konnte. 

Raimund: Stichwort Schattenseiten: Was waren die Tiefschläge? 

Delia (nach kurzer Überlegung): Streit mit Lehrern. 

Theresa: Passiert der hier öfter als anderswo? 

Delia: Natürlich nicht. Das ist ein Problem, das Schüler überall haben. Aber wir haben ja nur die Lehrer, die wir haben – wenn ich mich mit denen streite, ist das halt nicht nichts. 

Lenz (lachend): Das wird ja umgekehrt für die Lehrer mit uns nicht so anders sein! 

Raimund: Na sicher! Als Ehemaliger beider Seiten kann ich das bestätigen. (Gelächter) Also weiter auf der Schattenseite: Was noch? 

Sebastian: Der naturwissenschaftliche Unterricht! 

Theresa: Warum denn das? 

Sebastian: Zu viel schauen und zu wenig lernen. 

Raimund: Wow. Eine Aussage wie ein T-Shirt-Spruch. Was meinst du damit genau? 

Sebastian: Wir beobachten und beschreiben, aber wie das in mathematischen Formeln aussieht, das behandeln wir nicht genug, finde ich. Das fehlt uns dann bei der Maturavorbereitung, zum Beispiel am Abendgymnasium. 

Franziska: Das genaue Beobachten und Beschreiben von dem, was geschieht, hab ich nach der Waldorfschule vermisst! Auch am Abendgymnasium. Da wurde nur noch alles mathematisch berechnet. Es ging überhaupt nicht darum, was eigentlich passiert. Und wie es passiert. 

Leni: Die Balance zwischen beidem ist halt das Schwierige. 

Theresa: Hängt das nicht von der Lehrperson ab? 

"Ich habe nie wieder die Möglichkeit gehabt, mir eine so umfassende Basis zu erarbeiten wie hier."

Delia: Sicher. Aber wir können das ja kaum beurteilen. Wir kennen ja nur eine Lehrperson. 

Raimund: Beobachten und Beschreiben ist ja die Grundlage, die Formel eine Übersetzung in mathematische Sprache. Ihr seht kein Problem bei den Grundlagen, sondern fürchtet, dass ihr in eurem Kopf die Formelsammlung nicht immer abrufbar habt? 

Anna -Katharina: Ja. Wir haben halt die Sorge, dass wir die Matura nicht schaffen. 

Theresa: Eure Sorge sagt ja einiges über die Matura aus: Ihr rechnet damit, dass ihr viel pauken müsst – aber eigentlich kaum Grundlegendes, wo es ums echte Verstehen ginge. Im Rückblick muss ich sagen: Ich hab nie wieder die Möglichkeit gehabt, mir eine so umfassende Basis zu erarbeiten wie hier an der Waldorfschule. Klar braucht es die Balance. Aber es ist doch so: Wenn man die 

Grundlagen versteht, kann man sich die Formelsprache recht problemlos aneignen. Schaut euch mal an, wie viele Absolventen unserer Schule mit Auszeichnung maturieren: Das kann sich sehen lassen! 

Anna-Katharina © Simon Rainer (simonrainer.com)
Anna-Katharina

Raimund: Ich finde diesen Satz interessant: „Zuviel schauen und zu wenig lernen.“ Da spiegelt sich ja etwas von dem, was den waldorfpädagogischen Ansatz ausmacht. Das Schauen und Beschreiben steht wirklich im Vordergrund. Aber da steckt mehr dahinter: Ich habe in den letzten  Jahren in meinen Arbeitsbereichen viel wissenschaftlich gearbeitet. Was braucht man da? Ich muss genau schauen, ganz kleine Dinge wahrnehmen können. Das Beobachtete muss ich bis ins letzte Detail beschreiben können: Oft ist gerade ein Detail das Entscheidende. Ich muss alles reflektieren können: das Beobachtete und Beschriebene, mich selbst, das Verhältnis von mir zum Beobachteten. Ich muss das alles vor dem Hintergrund anderer Erkenntnisse analysieren und interpretieren und Schlüsse daraus ziehen können. Die Waldorfschule hat mir dafür die Grundlagen vermittelt. Den  neugierigen, forschenden, genauen Blick und das systematische, kritische Hinterfragen kann man nicht auswendig lernen. 

Theresa: Das muss man tun. Dabei passiert ja das Relevante, nicht beim Übersetzen in Formeln. 

Raimund: Aber was du gesagt hast, Leni, würde ich trotzdem auch unterschreiben. 

Leni: Die Balance. 

Raimund: Genau. Übrigens hat die berühmte PISA-Studie, an der ihr ja auch beteiligt seid, zuletzt zum dritten Mal ergeben, dass WaldorfschülerInnen in den Naturwissenschaften nicht nur besonders motiviert sind, sondern auchüber dem Leistungsschnitt liegen. Das wurde mit dem erlebnisorientierten Zugang begründet, also gerade mit dem Schauen und Machen. Leute, ihr habt also die Sorge, dass im Vergleich zur Freude die Qual zu kurz gekommen ist, oder?  (Gelächter) 

Franziska: Habt ihr mit den Lehrern, um die’s euch da geht, darüber geredet? 

Lenz: Das ist ein Teil der Unstimmigkeiten, die wir am Anfang angesprochen haben. Es betrifft ja nur sehr wenige Lehrer. 

Theresa: Okay, ihr seid also in Kontakt. Nur: Balance oder nicht, am Pauken von Formeln für 

die Matura kommt man kaum vorbei. 

Raimund: Es ist halt mit der Matura oft so ähnlich wie mit der Theorieprüfung für den Führerschein. (Gelächter und Nicken) 

Franziska: Was mir nach der Waldorfschule wirklich gefehlt hat ist das Handwerk und generell das Praktische. Da ist die Waldorfschule mit keiner Schule vergleichbar. Was wir alles ausprobieren konnten! Als eigenes Fach! Korbflechten, Buchbinden, Bildhauerei...  Diese Vielseitigkeit ist einmalig. Das fehlt mir seither. Die Erfahrung, dass ich da Fähigkeiten habe, dass ich etwas lernen kann, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich das schaffe. 

Lenz: Das stimmt. Ich wollte ja nach der 8. Klasse weggehen. Aber ich bin wirklich froh, dass ich geblieben bin. 

Delia: Es ist halt immer schwierig, den Mittelweg zu finden. Das wissen wir eh. 

Raimund: Wie seht ihr denn das: An der Waldorfschule gibt’s keine Noten, kein Sitzenbleiben. 

Ist das gut so? Verursacht das Probleme? Man könnte ja sagen: Ich mach mir eine schöne Zeit. Mir kann eh nichts passieren. 

Lenz: Die schriftliche Beurteilung finde ich eindeutig besser als die Noten. Mit einem Dreier kann ich nicht viel anfangen, der kann alles Mögliche bedeuten. Die schriftliche Beurteilung ist viel differenzierter: In diesem Bereich ist es so, in jenem anders, und in einem dritten wieder anders. Da weiß man wirklich, wie’s aussieht. 

Raimund: Keine Noten, kein Sitzenbleiben: Wirkt sich das auf das Verhältnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen aus? 

Delia: Die Angst fällt weg. Und Angst ist nicht gerade die beste Methode, um zu erreichen, dass man etwas gerne macht. Lehrer können mit ihren Schülern nicht mehr auf der Basis von Angst arbeiten. 

Lenz: Was an der Waldorfschule im Vordergrund steht ist, dass die Lehrer mir als Schüler Vertrauen entgegen bringen. Sie vertrauen mir, dass ich was mache. Sie setzen auf mich. 

Leni: Dadurch entsteht ein ganz anderes Klima. 

Delia: Wir sind gewöhnt, dass alles familiär ist, irgendwie. 

Sebastian: One family! Yeah!  (Gelächter) 

Lenz: Waldorf ist halt keine Schule, wo es heißt: Friss, Vogel, oder stirb. Sondern: Okay, setzen wir uns zusammen, reden wir genauer drüber. Nur ein Beispiel: An einer durchschnittlichen Staatsschule können wir definitiv nicht zu einem Lehrer gehen und sagen: „Tschuldigung, Herr Sowieso, aber ihre Unterrichtsweise ist schlecht! Die funktioniert nicht!“ Das geht hier und, auch 

Delia © Simon Rainer (simonrainer.com)
Delia

wenn das für alle Beteiligten nicht einfach ist, wir reden dann halt darüber. Und niemand kriegt eine aufs Dach. 

"Waldorf ist halt keine Schule, wo es 
heisst: Friss, Vogel, oder stirb."

Raimund: Das legt nahe, dass mehr Raum für die Umsetzung eigener Ideen bleibt. Freiraum. 

Magdalena: Ich würde es so sagen: Der Großteil von uns Schülern ist bequem. Aber wer weiß,  was er will, kann schon viel durchsetzen. Es gibt viel Raum für Individuelles, den sehen nur nicht alle. 

Leni: Man entdeckt die Möglichkeiten. 

Lenz: Die nützt halt nicht jeder. Vielleicht sollte man da stärker darauf drängen. 

Sebastian: Mein Gott! Immer jammern! 

Theresa: Ich würde sagen: Es ist Teil des Konzepts, dass man diese Möglichkeiten selber entdecken muss. 

Raimund: Die Oberstufe ist halt nichts für Leute, die bloß durchs Programm zappen wollen. 

Magdalena: Es ist genug Platz für eigene Wege. Aber man muss schon selber wissen, dass man einen gehen will. 

 

Franziska Neyer (Abschluss 2004) beendet gerade ihr Studium der Kulturanthropologie an der Universität Graz.

Mag.a (FH) Theresa Luxner (Abschluss 2000) ist Sozialarbeiterin.

Mag. Raimund Pehm (Abschluss 1996) ist Politik- und Erziehungswissenschafter am Tiroler Institut für Menschenrechte; an der Oberstufe der Waldorfschule hat er sieben Jahre lang Menschenrechtsbildung unterrichtet.