Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen.
Rudolf Steiner

Lebendige Künste: Handwerks- und Kunsthandwerksunterricht in der Waldorfschule 

Er ist zweifellos etwas Besonderes, das in anderen Schultypen kaum zu finden ist: der Handwerksunterricht in der Waldorfschule. Wo sonst erlernt man in der Schule – zumal in einer allgemeinbildenden und höheren – alte Handwerke wie das Holzschnitzen, das Korbflechten, das Buchbinden, Spinnen und Weben oder das Kupferschmieden? Wo sonst freut man sich über die Lebendigkeit im Alltag weitgehend vergessener Künste? In Zeiten der Massenfertigung handelt es sich bei all diesen Handwerken um kulturelles Erbe, erhaltenswert wie großartige Kunstwerke und Bauten. Im Handwerksunterricht spiegelt sich eine ganze Menge von dem, was Leben und Lernen ausmacht – durchaus ähnlich, wie in den kognitiven Fächern, jedoch viel unmittelbarer erkenn- und erfahrbar. 

Sehr allgemein gesprochen geht es, wie die Wiener Waldorf-Werklehrerin Margret Loy treffend formuliert, um das „Ringen mit der Aufgabe oder besser gesagt: an der Aufgabe mit mir selbst“, um Ausdauer, Genauigkeit, Zielgerichtetheit und Hartnäckigkeit, um Sinn für Bewährtes, Offenheit für Neues und den Willen, zu lernen, um die Fähigkeit, mit Schwierigkeiten konstruktiv umzugehen und sie auf geeignete Weise zu überwinden, nicht zuletzt auch: um einen Blick dafür, was handwerklich gut und was weniger gut ausgearbeitet ist – also um Qualität. 

"Handwerksunterricht verändert den Blick auf unseren Alltag."

Aus pädagogischer Sicht ist der Werkunterricht also zweifellos ein (oft wenig beachtetes) Schmuckstück der Waldorfschule. Zumal man am Ende des Arbeits- und Lernprozesses auch noch ein selbst hergestelltes fertiges Werkstück in der Hand hat, das mit nach Hause genommen werden kann. Für LehrerInnen ist es jedoch alles andere als ein Kinderspiel, damit es so weit kommt: Neben den vorhergesehenen und unvorhergesehenen technischen Herausforderungen ist es vor allem die pädagogische, die es „in sich hat“. Ein gelingender Werkunterricht schöpft nämlich aus drei Motivationsquellen für die SchülerInnen: Die Freude am Tun ist ebenso von zentraler Bedeutung wie das Erleben der Sinnhaftigkeit dieses Tuns und die Möglichkeit, das entstehende Werkstück individuell zu gestalten. 

Wann im Arbeitsprozess diese Motivationsquellen in welcher Weise am besten erschlossen werden können, hängt dabei von vielen verschiedenen Rahmenbedingungen ab – und es ist Aufgabe der LehrerInnen, all dies zu bedenken, daraus ein tragfähiges Unterrichtskonzept zu entwickeln und dieses auch umzusetzen. „Darüberschwindeln“ funktioniert dabei noch weniger, als in den kognitiven Fächern – für LehrerInnen und SchülerInnen: Wenn die Motivation im Unterricht fehlt und deshalb „nichts geht“, kann nicht einfach zuhause nachgearbeitet oder nach drei, vier Fehlstunden ein bisschen nachgelernt werden. Und „Nachhilfe“ ist von vornherein keine Option. Bei aller Schwierigkeit: Handwerksunterricht funktioniert. Und zwar hervorragend. 

"Die Freude der SchülerInnen am handwerklichen Schaffen spiegelt sich oft geradezu plakativ in den entstandenen Werkstücken."

So kann nicht nur kulturelles Erbe lebendig bleiben: Auch der Blick auf industriell gefertigte Massenware und den dahinterstehenden Herstellungsprozess kann sich verändern und damit auch der Blick auf einen wichtigen 

Teil unseres Alltags.