Kann man etwas nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als dass man verurteile.
Rudolf Steiner

derStandard.at am 14. 01. 2011 über 150 Jahre Rudolf Steiner

150 Jahre nach der Geburt Rudolf Steiners sind von ihm inspirierte Institutionen und Produkte weit verbreitet - der Umgang mit seinem Werk ist nicht immer entspannt

"Der Doktor hat gesaaagt! Der Doktor hat gesaaagt", gackerten wir Waldorfschüler seinerzeit gelegentlich wie die Hühner. Unser Spott galt jenen "Super"-Anthroposophen, die verbissen die Lehre des "Doktor Steiner" auf Punkt und Komma umzusetzen trachteten und all jene, die auch nur einen Millimeter davon abwichen, tadelnd zurechtwiesen. Dass wir mit unserem rebellischen Geblödel einen zentralen Punkt im Umgang mit dem Werk Rudolf Steiners trafen, konnten wir damals nicht einmal erahnen. Wussten wir doch nicht annähernd, was "der Doktor" in seinen insgesamt 6511 Vorträgen tatsächlich gesagt hatte - und in Summe umfasst sein Gesamtwerk immerhin rund 90.000 Druckseiten

 

Wenn Steiner etwa in den Vorträgen für die Lehrer der ersten Waldorfschule für die Kinder der Arbeiter in der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik betonte: "... ich möchte ja aus Ihnen nicht lehrende Maschinen machen, sondern freie, selbstständige Lehrpersonen." Oder, vor dem Verein "Freie Waldorfschule": "So steht der Waldorfschullehrer da: Er hat keine Paragrafen, sondern Ratschläge; Ratschläge, die er nach seiner eigenen Individualität gestalten muss. Jeder ist doch ein anderer Mensch ..."